Hilfe, Frau Seitling kommt!


Betty ihr nächtlicher Abendspaziergang durch Hirschberg ist nun auch schon wieder eine volle Woche her und zum Glück ohne irgendwelche gesundheitliche Nachwirkungen für sie geblieben. Darüber sind wir natürlich alle sehr glücklich. Ich möchte mir gar nicht weiter ausmalen, was ihr bei ihrem kleinen Ausflug hätte alles passieren können.
Nachdem meine zwei geliebten Fellnasen mit ihren beschwerlichen Umräumungsversuchen endlich fertig geworden sind, heute musste einmal das Zimmer von unserem Jüngsten richtig daran glauben, dass ich von ihrer Aktion in Patricks Zimmer unbedingt ein paar Bilder schießen musste, versteht sich ja fast von selbst, haben sich Betty und Barny schon aus reiner Gewohnheit in unserem Wohnzimmer einen gemütlichen Schlafplatz gesucht.
Mein Barny hatte es sich, wie üblich, ziemlich einfach machen wollen, obwohl es für ihn schon in einen mittleren bis großen Kraftakt ausartete. So sah es jedenfalls für mich persönlich aus. Er schnappte sich nämlich das allergrößte unserer Couchkissen, wie kann es denn auch anders sein, schupste es buchstäblich mit Kopfarbeit erst einmal auf den Fußboden beziehungsweise Teppich hinunter. Dann schleifte er das Kissen hinter sich her, wie so einen erbeuteten Feldhasen.
Dann und wann tritt er aber, mit einer seiner vier Pfoten, auf das Kissen und er kommt einfach nicht weiter. Gereizt dreht sich mein Dicker hastig um, weil er wohl seine Bettymaus dahinter vermutet und als er sie nirgends entdecken kann, hält er seinen Kopf leicht schief und staunt regelrecht Bauklötzer.
Ein Weilchen beobachtet Barny nun überaus aufmerksam seine nähere Umgebung, während sich seine Rute aufgeregt hin und her bewegt. Auch ein leises beständiges Muckern ist deutlich, zu hören. Eigentlich ein sehr offensichtlicher Fingerzeig dafür, dass unser Frettchen ringsherum zufrieden und in bester Spiellaune ist. Aber da sich nun weit und breit leider kein anderes Frettchen zum Spielen sehen lässt, fährt man halt mit dem fort, was man gerade noch in seiner Mangel hatte, nämlich mit dem Couchkissen.
Irgendwie hat es mein kleiner Freund Barny dann endlich auch geschafft, das Kissen in eine geräumigere Lücke zwischen unserem Sofa, der Außenwand unseres Hauses und dem kleinen Bücherregal zu verstauen.
Man kann ihm regelrecht ansehen, wie anstrengend die ganze Aktion für ihn doch gewesen sein muss und er macht es sich augenblicklich, ohne sich weiter um die anderen zwei Anwesenden im Wohnzimmer zu kümmern, auf dem Kissen bequem und schläft auf der Stelle ein.
Bei meiner zarten Betty ist das schon ein wenig verzwickter, denn seit ihrem nächtlichen Spaziergang macht sie einen wahrlich riesengroßen Bogen um alle ihre bevorzugten Lieblingsplätze und auch um die beliebtesten Schlafecken.
Weiber sind eben kompliziert! Aber das hat sich zum Glück nach zwei Wochen wieder gegeben - eine kleine Randbemerkung von Barny.
Fast immer, so eben auch heute wieder, sucht sie den hautengen Kontakt beziehungsweise meine körperliche Nähe, um erst dann in einen tieferen Schlummer hinüberzufallen. Ansonsten scheint sie sich beinahe nur noch in ihrer Villa so richtig sicher, zu fühlen.
So sitze ich also ganz ruhig auf meinem Sessel. Habe eines der bunten Sofakissen, die Betty so liebt, auf meinen Knien zu liegen, und warte darauf, dass meine Kleine, die es sich eng zusammengerollt auf dem Kissen bequem gemacht hat, eingeschlafen ist. Ein beruhigendes Streicheln, wieder und wieder, über ihren schmalen Rücken, hilft ihr, wie immer, beim Einschlummern.
Gleichförmige und tiefe Atemzüge sowie ein nur leicht offenstehendes Mäulchen, aus dem sich die Zunge etwa einen halben Zentimeter herausgeschoben hat, verraten mir, dass Betty nun endlich fest eingeschlafen ist und ich lege sie zusammen mit dem Kissen vorsichtig in einer Ecke unseres Sofas ab.
Ich werde nun die zirka halbe Stunde Pause dazu nutzen, dann haben meine zwei schlummernden Frettchen sicherlich abgeruht, um mir einen meiner berühmten kräftigen schnellen Kaffee aufzubrühen sowie die aktuelle Tageszeitung von heute zu lesen. Danach werde ich mir, wenn es die Zeit noch erlaubt, die allerneuesten Bilder von unseren Lieblingen Betty und Barny anschauen.
Beim gründlichen Durchstöbern der Zeitung bin ich, wie immer, auf der Suche nach irgendwelchen Beiträgen oder noch so kleinen Artikeln aus der ganzen Welt, die irgendetwas mit dem Tier Frettchen oder seinen Verwandten zu tun haben. Was fast schon vollkommen automatisch geschieht und mir sozusagen gar nicht mehr bewusst wird.
Es geschehen doch tatsächlich noch kleine Wunder, denn heute stieß ich endlich auf der vorletzten Seite, dem so genannten Unterhaltungsteil für große und auch kleine Leser unserer Tageszeitung, nach wirklich sehr langer Zeit auf eine eher kleine, aber besonders amüsante Episode mit Frettchen. Die möchte ich keinem vorenthalten. Mit der Genehmigung des australischen Autors, den ich inzwischen persönlich kennenlernen durfte, darf ich sie Euch hiermit zum Besten geben. Es ist die deutsche Übersetzung eines Beitrages für die SAFA = South Australian Ferret Association und deren Frettchenmagazin.

Der Eindringling von K.F. Bernhard - Tasmanien/Australien

»Kinder schaut einmal, wir haben ein fremdes Frettchen in unserem Käfig. Papa hat sich bestimmt wieder einen Spaß erlaubt!« Das waren die allerersten Worte, die mir ins Bewusstsein drangen.
Hunderte neue Gerüche brachten meine Nase ins Zucken.
Ich war umgeben von Fähen und dem Rüden von Dienst.
Mit gesträubtem Fell wurde mein Hintern beschnüffelt.
Ich krümmte meinen Buckel und stieß einen lauten Schrei aus. Ich war in ein Frettchen verwandelt. Eine menschliche Hand nahm mich am Nackenfell und sie hob mich aus dem Käfig. Es nahm mir den Atem und meine Augen wurden glasig.
»Ja, es ist ein fremdes Frettchen«, meinte die verwunderte Mutter. »Er schaut gut aus und er ist ein Rüde. Stinken tut er. Morgen kommt er zum Tierarzt.«
Ich wachte auf, zitternd, meine Zähne im Kissen verbissen. Meine verkrampften Hände in der Pyjamahose.
Ein Stoß meiner Frau mit dem Ellbogen in meine Rippen weckte mich ganz auf. »Was ist los, hattest du einen Albtraum?«

Einfach herrlich! Ich finde sie wirklich echt süß und köstlich. Ich kann erstens gar nicht aufhören mit lachen, meine beiden Frettchen heben schon verwundert ihre Köpfchen, zweitens muss ich diese kleine witzige Geschichte sofort ausschneiden, um sie meiner Sammlung über Frettchen hinzufügen zu können.
Außerdem bin ich wirklich neugierig darauf, was meine drei Männer zu dieser kleinen hübschen Geschichte sagen werden, wenn sie am Nachmittag nach Hause kommen.
Da ich meine Betty und auch meinen Barny aber nicht in ihrem friedlichen Schlummer unterbrechen möchte, nehme ich mir nun die Fotos vor, die schon vor mir auf dem Wohnzimmertisch bereitliegen und an denen ich mich, wie gewohnt, nicht satt sehen kann. Frettchen haben eben so ein gewisses Etwas!
Mein Blick wandert einmal mehr auf die Dorfstraße hinaus, weil von dort immer wieder so ein eigenartiges Knattern an meine Ohren dringt. Weil ich mir die ständige Neugier von meinen Frettchen etwas abgeschaut habe, muss ich einfach wissen, was dort draußen los ist, beziehungsweise, wer dort draußen sein Unwesen treibt. Immer nach dem Motto meiner geliebten Frau Mama, welches da lautete: »Neugier ist die Mutter aller Weisheit!«
Jetzt scheint dieses knatternde Getöne etwas näher zu kommen. Grund genug für mich vor unsere Haustür und auf den Dorfplatz zu gehen, um dort einfach einmal nach dem Rechten zu schauen.
Das einzige Objekt beziehungsweise Fahrzeug, weit und breit, ist ein ohrenbetäubend knatternder und ein wahrhaftig grasgrüner Trabant. Ein Auto, welches man heutzutage immer seltener auf unseren Straßen vorfinden kann. Er gondelt die wenigen Straßen, die den kleinen Dorfplatz kreuzen, immer wieder langsam hinauf und genauso langsam kommt er wieder zurück.
Der Chauffeur des geräuschvollen Autos, einst auch liebevoll Rennpappe genannt, der von Weitem ziemlich fettleibig für mich ausschaut, muss irgendwen oder irgendetwas suchen.
›Na, dann will ich heute einmal nicht so sein und die Sache ein kleines bisschen vorantreiben‹, denke ich gerade noch bei mir und mit großen Schritten eile ich dem Trabbi entgegen, um dem beleibten Fahrer meine ortskundige Hilfe bei der ergebnislos aussehenden Suche anzubieten.
Doch je näher ich jetzt dem inzwischen haltenden Fahrzeug komme, um so deutlicher schreit meine eigene innere Stimme beschwörend auf: ›Tue das bitte nicht, Samantha! Behalte deine Hilfsbereitschaft nur einmal für dich! Verschwinde hier und gehe einfach wieder nach Hause. Aber sofort!‹
Doch irgendwie komme ich gegen meine innere Stimme heute nicht an. Wie unter höherem Zwang marschiere ich schnurstracks weiter auf den Trabbi zu, in dem niemand anders sitzt als eine ›gute alte Bekannte‹, die Frau Seitling.
Schon wird die Scheibe an der Fahrerseite bedächtig heruntergekurbelt und ihr vollmondiges Antlitz schiebt sich mir mit fragendem Blick entgegen: »Junge Frau! Können Sie mir vielleicht verraten, wo hier eine Familie mit dem komischen Namen Trimmdich wohnt?“ Sie hat ihre Frage noch gar nicht richtig an den Mann, eh an die Frau, gebracht, als regelrecht ein erkennendes Leuchten, gefolgt von einem breiten Lächeln, über ihr dickes Gesicht läuft.
Jetzt gibt es leider kein zurück mehr für mich. Ich mache eine gute Miene zum bösen Spiel. Was bleibt mir denn auch anderes übrig?
»Mensch, wenn das jetzt keine Überraschung ist, die Frau Seitling! Sie hier in Hirschberg, das ist ja vielleicht ein Ding! Wie haben sie sich denn hierher verirrt? Aber kommen sie doch erst einmal herein. Ihren Trabbi können sie gleich dort neben der Hainbuchenhecke abstellen«, plaudere ich munter drauf los, obwohl ich ihr lieber klipp und klar sagen würde, dass ich auf ihren ›lieben‹ Besuch absolut verzichten kann, kein bisschen scharf darauf bin und dass sie auf dem schnellsten Wege die Kurve kratzen soll. Wer weiß denn schon zu sagen, was die Frau zu mir nach Hirschberg getrieben hat und welche Erwartungen sie mit ihrem Besuch hegt.
Aber, wie würde sich meine geliebte Frau Mama wieder einmal ausdrücken und mir den Kopf wegen unnötiger Schwarzmalerei regelrecht zurechtrücken: »Mein liebes Töchterlein! Male doch den Teufel nicht gleich wieder an die Wand! Wird schon nichts Schlimmes sein, wirst schon sehen.«
Trotzdem, ich habe dann und wann halt solche absonderlichen Vorahnungen, mein Göttergatte Martin tituliert mich dann gerne mit ›meine kleine Hexe‹, die sich dann in den meisten aller Fälle auch noch prompt erfüllen. So ist es leider Gottes auch heute wieder einmal, denn das mich nun beschleichende Gefühl, dass diese völlig unverhoffte Stippvisite von Frau Seitling nur wegen unserer zwei Frettchen stattfinden kann, sollte mich nicht im Stich lassen.
Doch ehe Frau Seitling mit ihrem Anliegen herausrücken kann, dauert es noch eine geraume Zeit beziehungsweise eine viertel Stunde. Wie sich nämlich herausstellt, fährt sie gewissermaßen nicht allzu oft mit ihrem Trabbi durch unsere Lande, nur hin und wieder mal, wie sie mir später felsenfest beteuert. Und sie hat offensichtlich gewaltige Probleme mit dem Rückwärtsfahren, weswegen sie erst eine ganze Runde um unseren kleinen Dorfplatz drehen muss, um neben unserer Hainbuchenhecke einparken zu können.
Aber beim Aussteigenwollen, aus ihrem für ihre Körpermaße zu engem Auto, zeigt sich umgehend ein neues Problemchen, welches von der Frau Seitling nur unter äußerst geräuschvollem Stöhnen, deutlichem Ächzen, gewaltigem Schieben und auch intensivem Drücken zu bewältigen ist. Die gute Frau hat seit unserer letzten und im Prinzip einzigen Begegnung, vor gut sieben Monaten, nicht nur deutlichst an Gewicht, sondern auch an Körperumfang zugelegt. Sodass sie sich ungelogen schon mit einer unnachgiebigen und sehr energisch wirkenden Kraftanstrengung hinter dem Lenkrad hervorbemühen muss, um ihren fahrbaren Untersatz überhaupt verlassen zu können.
Schließlich hat Frau Seitling es irgendwie geschafft und sie wischt sich mit einem blassrosafarbenen Taschentuch, das mit hübschen zierlichen Spitzen umhäkelt und welches in ihren fleischigen Händen kaum zu sehen ist, den perlenden Schweiß von der Stirn. Nun kann sie meiner höflichen Aufforderung, mir in unser Haus zu folgen, endlich nachkommen.
Ich habe die Haustür noch gar nicht richtig hinter uns beide geschlossen und die Wohnzimmertür vorsichtig geöffnet, weil ja vielleicht Betty und Barny inzwischen ausgeschlafen haben, als ich an der Frau Seitling ein auffällig schnüffelndes und irgendwie auch suchendes Verhalten beobachten kann.
Da ich aber nichts auf meinem Küchenherd zu stehen habe, da bin ich mir wirklich vollkommen sicher, was möglicherweise übergekocht sein könnte und auch der Kachelofen im Wohnzimmer, der nur mit Holz beheizt wird, in der Zwischenzeit ausgegangen ist, kann ich mir absolut nicht erklären, warum die Frau dieses Verhalten an den Tag legt.
Obwohl ich schon überaus gerne wissen würde, was denn ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erregt hat, verkneife ich mir vorerst die wissbegierige Frage und bitte Frau Seitling sich schon einmal einen Platz ihrer Wahl auszusuchen. Ich würde in der Küche nur schnell ein Kännchen Kaffee für uns aufsetzen, was ich dann auch sofort in die Tat umsetze.
Bepackt mit zwei großen Kaffeetassen, nebst den dazu gehörenden Untertassen, einer Büchse Kaffeesahne und eine kleine Zuckerdose, gefüllt mit ein paar wenigen Stückchen Würfelzucker, kehre ich im wahrsten Sinne des Wortes auf leisen Sohlen in das Wohnzimmer zurück.
Doch der unglaubliche Anblick, der mich hier nun erwartet, als ich so beladen wieder in unser Wohnzimmer zurückkomme, erschüttert mich eines Teils zutiefst, jedoch sorgt er auch eines Teils dafür, dass sich meine beiden Augen schlagartig, bis hin zum völligen Überlaufen, mit Tränen anfüllen! Mit Lachtränen wohlgemerkt, weil ich in diesem Augenblick wirklich nicht weiß, ob ich nun lieber heulen oder doch lieber lachen soll. Denn mein Gast, Frau Seitling, hängt höchstwahrscheinlich als Auswirkung ihrer eigenen Körperfülle buchstäblich unter unserem massiven und eichenen Schreibtisch fest.
Neben dem Schreibtisch liegt eine große gläserne Obstschüssel, deren Zustand man wahrlich nicht mehr als heil oder ganz bezeichnen kann. Und das ist sozusagen der Grund, warum ich jetzt vor Wut eigentlich heulen könnte.
Die Schüssel erhielt ich nämlich erst vor wenigen Tagen von meinem Mann Martin als Geschenk zum Valentinstag. Genau solch eine Schüssel hatte ich mir schon immer sehnlichst gewünscht. Darin sollte stets das frischeste Obst für die Familie serviert werden, weil dann automatisch mehr davon gegessen wird und es eben einfach appetitlicher aussieht, als in so einer ollen handelsüblichen Plastiktüte, die ja meistens für die Verpackung herhalten muss. Mal sehen, was mein Martin zu der Bescherung sagt? Die ich ihm aber sicherlich erst dann unter seine Nase reiben werde, wenn er die kleine nette Frettchengeschichte aus Tasmanien gelesen hat!
Doch zurück zu meinem Besuch, zurück zu der Frau Seitling. Dass nur sie der Übeltäter gewesen sein kann, bei ihrem ernsthaften Versuch sich wieder zu befreien, ist mir natürlich sofort klar. Haben wir, Martin und ich, doch schon vor mehreren Wochen ausnahmslos alles, von A wie Anrichte bis Z wie Zierpflanzen, frettchensicher in unserem Wohnzimmer umgestaltet. Wodurch Betty und auch Barny jede noch so kleine Möglichkeit genommen wurde, auf den Schreibtisch hinaufzugelangen und dort irgendeinen Schaden anzurichten.
Doch, warum mir auch die Lachtränen buchstäblich in Strömen über mein Gesicht laufen, so hat dies ganz andere Beweggründe. Das hängt vollkommen mit meinen zwei süßen Lieblingen, den Frettchen Betty und Barny zusammen, die sich einfach nur so verhalten, wie es einem Frettchen sozusagen schon in die Wiege gelegt worden ist.
Frettchen müssen, ob sie es nun wollen oder auch nicht, alles Neue in ihrer unmittelbaren Umgebung, egal ob es sich dabei um lebendige oder auch ›tote‹ Objekte handelt, gewissenhaft untersuchen.
Das heißt im Prinzip nichts anderes, als das nun das neue Objekt beschnüffelt, abgeleckt und durch die Gegend transportiert beziehungsweise geschleppt wird. Mal geschieht das, indem man versucht das unbekannte Gebilde oder die fremde Person durch die Gegend zu schleifen, zu schieben, zu stoßen, hinter sich herzuzerren, zu rollen, zu drücken, zu ziehen, zu schleppen und, und, und.
Zwischendurch kommt aber auch ihre längliche Zunge, deren Oberfläche wie ein kleines Reibeisen geschaffen ist, immer wieder einmal zum Einsatz. Ungefähr nach dem sehr frettchenhaften Motto: »Wenn ich weiß, wie du schmeckst und riechst, so zeige ich dir auch, wer du bist!«, oder so ähnlich.
Betty und Barny sind unterdessen nicht nur aus ihrem tiefen Schlummer erwacht, sondern scheinen der ihr fremd vorkommenden Person ihr ›Geheimnis‹ entreißen zu wollen und sie teilen sich die sorgfältige Erkundigung der Selbigen.
Frau Seitling kniet ja nun immer noch unter unserem großen Schreibtisch. Ihren Oberkörper hat sie weit nach vorne gebeugt, wobei der Kopf die Wand berührt, an der unser Schreibtisch seinen Platz hat und beinahe auch den Fußboden. Die massigen und breiten Schultern sind fest von unten gegen die massive Schreibtischplatte gequetscht. Der große Bauchumfang lässt es wahrscheinlich nicht zu, dass sich unsere Besucherin allein aus dieser misslichen und knienden Lage befreien kann.
Doch bevor ich ihr tatkräftig und zielbewusst zu Hilfe eile, beobachte ich beinahe schon wie hypnotisiert, ich kann gar nicht mehr anders, das erforschende Treiben meiner beiden Frettchen.
Mein Freund Barny hat es wohl übernommen, dieses lebendige Wesen schnüffelnderweise zu erkunden. Er steht auf seinen beiden hinteren Branten, direkt neben dem linken Fuß von Frau Seitling, und er hat eine ganz aufrechte Körperhaltung eingenommen. Sie lässt mich gänzlich unbewusst an ein sehr aufmerksames Erdmännchen denken, welches für seine Kolonie getreulich Wache hält. Seine beiden vorderen Branten oder auch Pfoten hat er aber übereinander, wie gesagt nicht nebeneinander, in einem Abstand von zirka zehn Zentimetern an dem etwas prallen und ausladenden Gesäß meiner Besucherin abgestützt. Seinen Kopf indessen beziehungsweise die in lauter Falten gelegte hochgezogene Nase, die wie eine Ziehharmonika auf mich wirkt, lässt er bedächtig über die Naht der dunkelbraunen Hose gleiten, die Frau Seitling momentan trägt, wobei er argwöhnisch schnuppert oder anders ausgedrückt intensiv wittert, von oben nach unten und umgekehrt.
Dass auch seine beiden oberen spitzen Eckzähnchen überdeutlich zu erkennen sind, ein wenig schauen sie ja trotz der geschlossener Schnauze immer heraus, nebst seiner oberen Zahnreihe, bedeutet für mich nichts anderes, als das meinem Dickerchen nicht sonderlich gefällt, was er gegenwärtig vor seinem Riecher hat. Seine Nackenhaare scheinen sich jetzt wie elektrisiert aufzustellen und auch seine Rute, also sein Schwanz, die/der ruhelos auf dem Teppichboden hin und her wischt, nimmt die auffällige Form einer Flaschenbürste an.
Auweia, jetzt irgendeine falsche oder plötzliche Bewegung von der Frau Seitling, dann brennt hier aber buchstäblich die Luft. Da ich sehr wohl weiß, wozu oder zu welchen Dingen mein kleiner lieber Barny fähig sein kann, ich sage da nur vollständige Analdrüsenentleerung, halte ich vor lauter Spannung die Luft an.
Doch noch ist er ja rundherum friedlich und mit seiner gründlichen Begutachtung oder Musterung vollauf beschäftigt und aus diesem Grunde lasse ich meinen Barny noch gewähren. Trotzdem habe ich aber immer ein wachsames Auge auf meinen Dicken!
In der Zwischenzeit war meine zarte Betty natürlich auch nicht völlig untätig. Zunächst hatte sie sich regelrecht verbiestert im Saum des rechten Hosenbeines von Frau Seitling verbissen und wollte doch tatsächlich die wohlbeleibte Dame von unserem Schreibtisch wegziehen. Schließlich war dort ja auch einmal ihr angestammter Lieblingsschlafplatz. Dabei spielt es augenblicklich überhaupt keine große Rolle, ob sie diesen Platz zurzeit gerade benutzt oder eben nicht. Hier geht es lediglich nur um das Prinzip. Und Betty hat so manches Mal, wie es von Zeit zu Zeit auch unser etwas verträumter Barny am eigenen Leibe schmerzlich erfahren musste, sehr konsequente Prinzipien. Deshalb gibt sie keineswegs gleich auf. Wenn eben die kraftvolle Zottelei irgendwie nicht den gewünschten Erfolg bringt, muss man sich halt eine andere, vielleicht zweckmäßigere Stelle auswählen, um diese komplette Geschichte von vorne und mit Ausdauer zu wiederholen.
Betty lässt also den Saum einfach Saum sein. Sie hakt sich jetzt kraftvoll mit ihren Zähnen dort ein, wo sich die dicken Waden gut sichtbar unter dem Hosenstoff hervorheben.
Für einen kleinen flüchtigen Moment war ich sogar geneigt zu glauben, dass ich das harte Aufeinanderschlagen ihrer Zähne regelrecht hören konnte. Aber sicherlich unterlag ich hier nur einer akustischen Sinnestäuschung, weil ich meine Betty bei ihrem absonderlichen Tun ganz genau und fasziniert beobachtet habe.
Doch irgendwie ›sitzt‹ der Stoff wohl noch nicht richtig zwischen ihren Zähnen und mit einer blitzschnellen Bewegung greift sie sozusagen nach. Danach stemmt sich meine Betty mit allen vier Branten und mit der ihr zur Verfügung stehenden Kraft nicht nur vom Fußboden, sondern auch von Frau Seitling weg.
Im Großen und im Ganzen erinnert mich diese eingenommene Haltung von meiner Betty nicht unbeträchtlich an einen wirklich wütenden Hund, der an einem Ende eines dicken Seiles hängt, und der versucht es einem anderen ebenfalls wütenden Hund, zu entreißen.
Aber da ihre Bemühungen trotz größter Kraftanstrengung nicht von Erfolg gekrönt sind, lässt Betty unverhofft die Hose los, schnellt abrupt auf die dicke Wade zu und faucht von dort aus, auf das Äußerste erbost, den strammen Hintern an, der es zu unserem Glück kommentarlos über sich ergehen lässt.
Aber meine kleine Betty ist immer noch nicht gewillt aufzugeben und greift nun verbittert den sich bloß leicht bewegenden rechten Fuß von Frau Seitling an. Zu ihrem Glück hat diese ein paar dickere Wollsocken an. So erwischt meine liebreizende Betty, die heute wie ein Berserker auf mich wirkt, bei ihrem erneuten Angriff nur das Bündchen der Socke und sie streift eher flüchtig mit ihren Zähnchen die darunter liegende Haut.
Zu meiner wirklich großen Überraschung veranlasst das meine Frau Seitling nicht nur zu einem begeisterten Jauchzer, sondern lässt sie auch weiterhin geduldig und ohne einen Kommentar auf ihren Lippen zu haben, unter meinem Schreibtisch ausharren.
Ich verstehe die Welt nicht mehr!
Aber da es ja meiner Besucherin außerordentliches Vergnügen zu bereiten scheint, warte ich weiter ab.
Meiner Betty gelingt es nun irgendwie der Frau Seitling die dicke Socke bis über die Ferse des rechten Fußes zu ziehen, wobei sie ihre rechte Brante auf dem nun unbekleideten Fleisch des Beines oberhalb der Ferse abstützt und die andere Brante auf der ebenfalls unbedeckten Fußsohle.
Doch, was mich beinahe in eine Ohnmacht stürzen lässt und mich vollkommen aus meiner beobachtenden Haltung sowie Fassung bringt, ist die unübersehbare Tatsache, dass meine Betty momentan nicht anderes in ihrem Sinn hat, mit fest geschlossenen Augen, an genau dieser freigelegten Ferse herum zu lecken und etwas herum zu knabbern.
Das darf doch wohl nicht wahr sein! Jetzt reicht es aber! Was zu viel ist, ist eben zu viel! Umgehend setzte ich dem ganzen Geschehen ein sofortiges Ende.
Betty und auch Barny greife ich zwar behutsam, damit sie sich nicht erschrecken und doch noch aus puren Versehen zu beißen, aber trotzdem sehr energisch in ihr Nackenfell und ziehe sie am Selbigen von Frau Seitling weg.
Das Hochheben an ihrem Nackenfell bereitet meinen beiden Frettchen keinerlei Schmerzen, es lässt aber bekanntlich jegliche Muskeln in ihnen sofort erschlaffen, wodurch jede Aktivität von ihnen unterbunden wird.
Nachdem ich nun beide Frettchen ›gesichert‹ habe, verfrachte ich meine beiden Forscher vorübergehend in die erst kürzlich erworbene Transportbox für Tiere, die unter unserem Küchentisch für diesen oder ähnliche Notfälle bereitsteht.
Dann eile ich auf schnellstem Wege in das Wohnzimmer zurück, weil von dort laute und undefinierbare Töne an mein Ohr dringen. Wie von mir schon vermutet, versucht sich Frau Seitling wieder einmal selbst zu befreien, was ihr aber nicht so recht gelingen will.
Dieses Mal bin ich aber samt und sonders gewillt, ihr aus der Bedrängnis heraus zu helfen. Mit einem kräftigen Ruck hebe ich den Schreibtisch auf seiner rechten Seite so weit an, dass sich Frau Seitling vorsichtig rückwärts krabbelnd endlich befreien kann.
Mit wahrhaft hochrotem Haupt und auch die Augen sind stark gerötet, vielleicht ist es ja auch eine Bindehautentzündung, steht sie dann wie ein Fels in der Brandung vor mir. Ich mache mich schon seelisch und moralisch auf ein beträchtliches Donnerwetter von ihr gefasst.
Aber nichts dergleichen passiert, ganz im Gegenteil. Sie nimmt mich fest in ihre beiden stämmigen Arme, drückt mich sozusagen nicht nur an ihr Herz, sondern verpasst mir auch einen sehr feuchten Schmatz auf meine Wangen, einen links und den anderen halt rechts. Fassungslos lasse ich es einfach über mich ergehen und erst ihre freundliche Frage, ob es denn möglich wäre, jetzt einen ordentlichen Kaffee zu bekommen, bringt mich wieder zur Besinnung.
Hilfsbereit und ein zufriedenes Lächeln in ihrem Gesicht stellt Frau Seitling die von mir bereits mitgebrachten Utensilien auf unseren Wohnzimmertisch zurecht, währenddessen ich in unsere Küche hinübereile und den seit längerer Zeit durchgelaufenen Kaffee, umgefüllt in eine blaue Thermoskanne, holen gehe.
Dass es sich mein Freund Barny und meine kleine Betty in der Box und auf der darin liegenden Babydecke richtig bequem gemacht haben, sie sicherlich schon wieder beim Kuscheln sowie Putzen waren und darüber fest eingeschlafen sind, entgeht aber meinen wachsamen Augen trotz alle dem nicht.
»Aller Anfang ist schwer!«, würde meine liebe Frau Mama wieder einmal sagen, doch endlich sitzen wir uns gegenüber, die Frau Seitling und ich.
Sie rückt nun ohne großes Drumherumgerede mit der wahren Veranlassung ihres unangemeldeten und überraschenden Besuches heraus.
»Es geht natürlich um meine ehemaligen Frettchen, um die Ella und um den Freddy. Die Zwei waren doch die letzten Welpen im vergangenen Jahr, die sozusagen in die Fremde ausgezogen sind. Wissen sie, liebe Frau Trimmdich, ich wollte doch unbedingt herausfinden, was aus den beiden Süßen in der Zwischenzeit so geworden ist. Wie sie sich doch sicherlich noch erinnern können, waren Ella und Freddy ein kleines bisschen schwächlich auf der Brust. Ich musste sie mit viel, viel Ausdauer und Liebe hochpäppeln.«
Jetzt bin ich das erste Mal richtig platt! Nie und nimmer hatten unsere beiden Frettchen damals einen Namen. Davon hätte doch Frau Seitling sicher etwas erwähnt! Warum denn auch nicht? Daran kann ich mich beim allerbesten Willen nicht erinnern.
Und im Hinblick auf mit viel Ausdauer und mit Liebe aufgepäppelt, da gehen meine Erinnerungen in eine ganz andere Richtung. Ich sehe heute noch die völlig verschmutzte Futterschüssel mit den Kartoffeln oder dem Reis oder aber auch den Nudeln vor mir stehen. Das diese ganze Zeug zwar gekocht und grob zerkleinert aussah, habe ich auch noch vor meinen Augen. Dass darin noch irgendwelche Reste von Fleisch oder vielleicht auch nur irgendwelche Wurst und braune Soße untergerührt wurde, ließ sich damals nicht unschwer erkennen. Zum Schluss waren alle Zutaten miteinander vermengt worden. Dass aber alles auch schon recht blasig aussah und es fürchterlich säuerlich roch, habe ich nicht aus meinem Gedächtnis streichen können. Meiner Meinung nach gärte ja dieser ganze Pamps schon. Und das sollte nun die artgerechte Ernährung für die Frettchen gewesen sein, mit der sie meine Lieblinge, mit Ausdauer und Liebe, hochgepäppelt hatte?
Ich höre sie heute noch immer laut aufschreien, als sie unsere kleinen Frettchen aus diesem verdreckten Karton angelte: »Ihr verdammten elenden Mistviecher! Das ist nun euer ganzer Dank dafür, dass man euch halbtoten Krüppels trotzdem noch mit hochgepäppelt hat. Anstatt euch gleich eins vor den Kneissel, zu hauen!“
Mich durchläuft ein eisiger Schauer, wenn ich nur an diesen Tag zurückdenke. Obwohl er unserer Familie ja zwei Freunde fürs Leben ins Haus brachte, nämlich Betty und Barny.
Später sagte meine liebe Frau Mama einmal dazu, als ich ihr die ganzen Begebenheiten rund um den Erwerb unserer beiden Frettchen erzählte: »Selten ein Unglück, wo nicht ein Glück dabei ist!«
Was nun aber Frau Seitling betrifft. Hat diese Frau nichts dazu gelernt und geht sie denn immer noch so mit ihren Frettchen um? Das sind die besorgten Fragen, die mir jetzt durch meinen Kopf gehen.
Plötzlich fällt mir auch die damalige Bitte von der Tiergartenleiterin aus Wildesheim, der Frau Zuhaus, wieder ein, ihr den Namen und den Ort zu nennen, wo wir unsere Welpen käuflich erworben haben. Ich werde Frau Zuhaus in den kommenden Tagen sicherlich einmal anrufen und ihr die benötigten Informationen geben. Vielleicht ist es ja für die anderen Frettchen noch nicht zu spät.
Aber ich komme nicht dazu mir noch ausführlicher oder länger den Kopf darüber zu zerbrechen, weil mir schon die nächsten außerordentlich wissbegierigen Fragen buchstäblich um die Ohren zischen.
»Haben sie eigentlich diese beiden entzückenden und großen Kuscheltücher noch, die ich ihnen seinerzeit mitgegeben habe? Freddy war ja immer so verschossen in das gelbliche Tuch, das mit den kleinen weißen Sternchen drauf. Mich würde es ja brennend interessieren, welchen Rufnamen sie meinen, eh ihren, beiden Frettchen gegeben haben, liebe Frau Trimmdich?«
Da es Frau Seitling nun vorzieht einen großen Schluck Kaffee zu sich zu nehmen, antworte ich zunächst auf diese zwei Fragen. Obwohl sich in mir das überaus starke Gefühl breit macht, dass es sicherlich noch nicht die Letzten waren.
Was nun diese verdreckten Tücher betrifft, die sie uns einst für unseren Heimweg in den Pappkarton legte, so werde ich ihr garantiert nicht die Wahrheit auf die Nase binden. Ich werde ihr also nichts davon erzählen, wie bei der erstbesten Tankstelle die stinkenden Lappen in den Abfall gewandert sind, sondern für Frau Seitling hört sich meine kleine Notlüge so an: »Wissen sie Frau Seitling, die zwei Tücher haben wir leider schon lange nicht mehr. Die sind eines Tages vom vielen Waschen einfach auseinandergefallen. Sie waren halt völlig verschlissen. Und was nun die Namen unserer Frettchen betrifft, so heißt nun der Rüde Barny und die Fähe hört auf Betty.«
Jetzt kann ich es mir nun doch nicht mehr verkneifen und frage nach, warum sie uns beim Kauf dieser Frettchen nicht auch ihre Namen verraten hat. Vielleicht würden sie ja heute immer noch Freddy und Ella heißen, das klingt doch gar nicht einmal so schlecht?
Doch, wie von mir fast schon erwartet, bekomme ich keine Antwort darauf, dafür aber ein paar neue Fragen an den Kopf geworfen.
»Ist ihnen eigentlich in der letzten Zeit irgendetwas Komisches oder Sonderbares an dem Verhalten meiner, oh Entschuldigung, ihrer Frettchen aufgefallen? Wie heißen sie doch gleich? Ach ja! An Betty oder Barny oder an allen beiden? Na, liebe Frau Trimmdich? Wie schaut es denn damit aus?«
Unvermittelt nimmt das dickliche Gesicht meiner Besucherin so einen gewissen Ausdruck an. Wie soll ich mich bloß treffend ausdrücken? Na ja, ihre Wangen und auch ihre Stirn überzieht plötzlich so ein ungesunder und rötlicher Hauch. Ihre Augen scheinen regelrecht zu erstrahlen, aber in einem eher eisigen Glanz und sie werden von einem feuchten Schimmer überdeckt.
Dessen ungeachtet haben ihre Mundwinkel ein befremdliches Lächeln, genauer gesagt, hintergründiges Grinsen angenommen, welches mich wohl eher unangenehm berührt. Mit anderen Worten ausgedrückt, es sieht für mich im Großen und Ganzen irgendwie verkommen aus oder schmutzig, obszön halt.
Ich kann mir schon so ungefähr vorstellen, in welche Richtung die Frau Seitling unser Gespräch jetzt lenken will. Aber ich spiele ihr die absolute naive Unschuld vom Lande vor. So arglos wie nur möglich, antworte ich mit einem sehr schlichten langgezogenen: »Nein, wieso?« Noch eine ganze Spur einfältiger, frage ich sie: »Sollte mir denn etwas an meinen beiden Frettchen aufgefallen sein?«
Ganz tief in meinem Inneren habe ich flehentlich gehofft, durch diese Art meiner Fragestellung der Frau Seitling buchstäblich den Wind aus den Segeln zu nehmen, aber erreicht habe ich genau das völlige Gegenteil, leider. Wie ich es eben aus ihrem Munde höre, möchte sie mich nun doch etwas genauer darüber aufklären, wie sich die Sache mit den Bienchen oder auch dem Klapperstorch bei dem Tier Frettchen verhält. Was sie nun ziemlich deutlich in die Tat umsetzt und was sich dann ungefähr so anhört:
»Dass Barny ein Mannsbild ist, sieht man ja schon an den zwei Murmeln, die zwischen seinen Hinterbeinen baumeln.
Betty, die hat ja diese Dinger sicherlich nicht, ist also ein Weib. Aber ich hatte ihnen, wenn ich mich jetzt halbwegs recht entsinne, ja schon beim Verkauf der zwei Süßen verklickert, dass es sich um ein Pärchen handelt. Und nun zu dem, was mir sofort unangenehm in die Nase stieg, als ich vorhin ihr Haus betreten habe. Ich bin da einfach mal ganz direkt. Es war der sehr strenge und auch beißende Geruch nach juckigen und mit viel Lust vollgepumpten Frettchen. Halten sie diese beiden Viecher etwa in der Wohnung?“
Meine nur mit Müh und Not zurückhaltend dazwischen geworfene Frage: »Was heißt hier eigentlich juckig und mit viel Lust vollgepumpt?«, wird von der Frau Seitling einfach ignoriert.
»Ist ihnen schon irgendwann einmal aufgefallen, dass die beiden sich auffallend häufig mit dem Hinterteil des Anderen beschäftigen? Die kleine Schnecke leckt am Liebesknochen des Kerls herum. Der Kerl bearbeitet die Schnecke seiner Kleinen nach allen Regeln der Kunst. Die zwei können sich dann regelrecht hineinknien, wie in einem Rausch und sie können gar nicht wieder aufhören, wenn sie erst einmal so richtig losgelegt haben.
Na, Frau Trimmdich! Das haben sie doch bestimmt schon gesehen oder etwa nicht? Nun rücken sie schon raus mit der Sprache.«
Als ich ihr keine Antwort darauf gebe, fährt sie in ihrem ›Aufklärungsunterricht‹ fort.
»Was dann noch den eigentümlichen Geruch der Frettchen betrifft, so ist der doch jetzt zweifellos so richtig Ekel erregend, sie stinken halt gen Himmel!
Bei dem Burschen müsste es sich eigentlich in den letzten paar Tagen am Stärksten bemerkbar gemacht haben. Ich bin mir völlig sicher, dass es ihm mächtig zwischen den Hinterbeinen krabbelt.
Na, Frau Trimmdich, wie steht's, kommt ihnen jetzt irgendetwas davon bekannt vor?«
Abwartend schaut Frau Seitling mir fest in die Augen. Sie lauert wohl auf irgendeine Erklärung meinerseits oder auch nur eine Interpretation ihrer Worte. Ich hoffe nur vom ganzen Herzen, das ihr nicht auffällt, wie ich buchstäblich auf glühenden Kohlen sitze. Weil mir, genauer gesagt, ihre auffallenden und sehr unverblümten Auslegungen über die körperlichen sowie die offensichtlichen Veränderungen im Leben meiner zwei Frettchen, auf die Nerven gehen. Deshalb antworte ich jetzt auch ziemlich verhalten, damit man mir meine anwachsende Entrüstung und auch aufkommende Wut nicht anmerkt: »Na ja, wenn ich jetzt ganz ehrlich bin, irgendwie hat sich schon etwas verändert, aber so gründlich habe ich nie hingeschaut, müssen sie wissen!«
Diese wenigen Worte von mir stacheln sie aber nun ›Leider Gottes!‹ zu noch viel mehr Anzüglichkeiten, betreffs des Liebeslebens meiner zwei Frettchen, an.
»Also, das Ding mit diesen ekelhaften Ausdünstungen. Na gut, ihnen zuliebe, eben Gerüchen, muss ihnen einfach aufgefallen sein. Das stinkt ja schon bis aus der Tür heraus. Nein, nein, keine Bange, Frau Trimmdich! Ich meine jetzt wirklich nur den Geruch der Frettchen, dies hat rein gar nichts mit ihrem Haus zu tun. Absolut nichts. Ganz im Gegenteil, trotz der zwei Frettchen ist hier alles an seinem Platz. Aber lassen wir doch dieses Thema.
Bei der Art und Weise wie Barny und Betty miteinander umgehen, außer dieser fortwährenden Leckerei und Schnüffelei am Arsch, ups, eh dem Hintern, muss ihnen aber etwas absonderlich vorgekommen sein!? Hat der Bursche sein Weib nicht schon an ihrem Nacken erbarmungslos durch die Gegend oder den Stall geschleift und ist dann brutal hinten bei ihr aufgeritten? Immer wieder rein das Ding, hoch und runter und hoch und runter?
Ne? Haben sie noch nie gesehen? Ehrlich nicht? Das tut mir ja richtig leid für sie. Ich könnte dann viele Stunden lang auf der Lauer liegen und meine Frettchen bei ihrer wilden Treiberei beobachten. Echt geil. Was die für eine Ausdauer dabei entwickeln! Das ganze Drumherum brauche ich nicht unbedingt zu wissen. Dass interessiert mich nicht. Hauptsache es rappelt ordentlich in der Kiste, wa. Und, was mein Kurtchen ist, der könnte sich ruhig mal ein kleines Scheibchen abschneiden! Von wegen Stehvermögen und so. Sie wissen schon, was ich damit meine oder soll ich noch etwas deutlicher werden. Hi, hi, hi!«
Bei ihrer unaufhörlichen Schwätzerei, die zahlreichen Worte scheinen ihr regelrecht nur so aus dem Mund zu fließen, muss ihr einfach einmal die Puste wegbleiben. Eigenartigerweise habe ich nahezu blitzartig das Bild von aufgefädelten Perlen vor meinem geistigen Auge, die unaufhörlich von einer defekten Kette gleiten.
Ihr ausdauerndes und für mich schon sehr unangenehm werdendes Geschwafel, peinlich trifft es da wohl noch eher, wird nämlich durch einen sehr heftigen Hustenanfall unterbrochen. Da sie doch noch ein kleineres Quantum von Anstand in sich haben muss, dreht sie sich weg von mir beziehungsweise sie wendet mir für einen kurzen Moment den Rücken zu. Aber nur, um in das blassrosafarbene Taschentuch, jenes mit den hübschen und zierlich gehäkelten Spitzen, geräuschvoll und mehrfach lautstark hineinzuspuken.
Gitt igitt oder anders ausgedrückt, pfui Teufel noch mal! Ich glaube, mir wird gleich schrecklich übel. Aber noch kämpfe ich wacker gegen den aufkommenden Brechreiz an.
Das hört sich für mich geradewegs nach einem sehr argen Raucherhusten an. Da leider meine geliebte Frau Mama auch fleißig dieser Qualmerei frönte, weiß ich, wovon ich rede.
Aber ich bin auch ein wenig froh darüber, dass Frau Seitling von diesem Husten richtig ordentlich gequält wird und sich von mir wegdreht, so sieht sie nämlich nicht, wie ich buchstäblich von einer Sekunde zu der Anderen puterrot anlaufe, von meinem Halsausschnitt aufwärts bis unter die Haarspitzen.
Aber es ist bei Weitem nicht nur dieses ständige und lang anhaltende geistesarme Geschwätz, was mich puterrot anlaufen lässt, sondern auch eine fast nicht mehr bezwingbare Wut und ein wirklich abgrundtiefer Ekel gegen diese Frau.
Wieder schleicht sich klar und deutlich eine unschöne Erinnerung bei mir ein. Genau solchen Ekel und tiefe Abneigung, empfand ich schon bei unserer ersten und bis dahin einzigen Begegnung, mit der Frau Seitling. Schon damals wollte ich dieser Person nie wieder begegnen müssen und nun sitzt sie hier in meinem Wohnzimmer.
Frau Seitling verdankt es jetzt nur meiner guten Kinderstube, dass ich sie nicht im hohen Bogen hinauswerfe und ohne ein weiteres Wort vor die Tür setzte. Stattdessen setze ich die freundlichste aller Mienen auf, zu denen ich gegenwärtig überhaupt fähig sein kann. Ich verschaffe mir ihre wahrhaft ungeteilte Aufmerksamkeit, indem ich ihr nun zum Besten gebe, welche kleinen Veränderungen ich bei meinen beiden Lieblingen, den Frettchen Betty und Barny, in der letzten Zeit beziehungsweise in den letzten Tagen beobachtet habe.
Man kann es fast kaum glauben. Es geschieht ein kleines Wunder. Frau Seitling hört sich doch tatsächlich aufmerksam an, was ich ihr zu sagen habe und das sogar, ohne irgendwelche dümmliche und perverse Randbemerkungen einzuwerfen.
Und so weiter..............

     

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